Blick ins Grüne

Auf ins grüne Leutzsch! Hier erwartet mich Inge-Lore Munkelt, die Mutter der Keramikerin Franziska M. Köllner, die ich vor ein paar Wochen in dem Drei-Generationen-Haus im Leipziger Nordwesten besuchen durfte. Heute steige ich der Tochter aufs Dach und treffe auf eine lebhafte 83-Jährige, die in Zerbst groß geworden ist und in dem freistehenden Haus mit dem großen Garten lebt. 1968 wurde das Wohnhaus feierlich eingeweiht und das Kindchen getauft, erinnert sich die Hausherrin.

Wohnen unterm Dach

Das Refugium unterm Dach hat alles, was die alte Dame braucht. Früher wuselten hier ihre Kinder im eigenen Domizil, und als sich später die Tochter mit ihrer Familie im Erdgeschoss einrichtete, zog Mama Inge-Lore ins Dachgeschoss. Die Wände wurden herausgerissen, um ein ebenerdiges Zimmer fürs Wohnen, Schlafen und Kochen zu gestalten. Nur das geräumige Bad mit der Toilette wurde separiert.

Panorama in 360 Grad

 

Bis zum Sommer vorigen Jahres war der große Garten noch das Hobby der früheren Chefsekretärin, heute zieht sie sich lieber auf ihre Terrasse zurück, die in den warmen Monaten ihr zweites Wohnzimmer geworden ist. „Der Blick übers Grundstück und ins Grüne ist einfach herrlich“, sagt sie und nimmt unterm Sonnenschirm Platz. Der kleine Teich vorm Gartenzaun erinnert mit seiner Nierenform an die 1970er-Jahre und wurde übrigens deshalb angelegt, weil sich aufgrund des hohen Grundwasserspiegels an dieser Stelle immer eine Pfütze gebildet hatte. In der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre musste das Spitzdach des Hauses neu gedeckt werden – um dies zu finanzieren, hat sie einen Großteil ihres Meißner Porzellans verkauft.

Kindheit in Zerbst

„Meine Familie und die Enkel geben mir Halt“, erzählt Inge-Lore, die im Alter von 70 Jahren einen Computerkurs besucht hat und gerne schreibt. Und eigentlich wäre sie am liebsten Journalistin geworden, verrät sie mir und zeigt mir eine Chronik, die ihre schöne Kindheit in Sachsen-Anhalt dokumentiert. Mit anderthalb Jahren kam die leibliche Tochter eines Pianisten in eine Pflegefamilie, und da ihr Pflegevater bei einem Autounfall tödlich verunglückte, wurde der nunmehr verwitweten Pflegemutti die Adoption verweigert. Als Inge-Lore mit 21 Jahren dann endlich adoptiert werden durfte, arbeitete Fräulein Jakobi – so ihr Mädchenname – bereits als Protokollantin am Vertragsgericht Leipzig.

Reise in die Masuren

Noch heute fährt sie gerne in ihre alte Heimatstadt und besucht das Zerbster Schloss. Was sich auch eingebrannt hat, war der Besuch bei der leiblichen Mutter: Mit zwölf Jahren hat sie sich mit ihrer Mama auf den Weg nach Berlin-Steglitz gemacht, um die Frau zu sehen, die sie auf die Welt gebracht hat. „Beim Kaffeetrinken in ihrem Wohnzimmer war ich beeindruckt von den vielen Gemälden und dem Kristall. Es war wie im Museum“, erinnert sie sich. Vor drei Jahren, zum 80. Geburtstag, wurde Inge-Lore von ihrer Tochter mit einer Reise in die Masuren überrascht und besuchte den Ort Olsztyn, das frühere Allenstein, wo der leibliche Vater geboren wurde.

Eins haben die Bewohnerin und ich übrigens gemeinsam: Für sie war die Sächsische Schweiz einmal ein beliebter Treffpunkt mit lieben Freunden, und ich bin in der Nähe des Elbsandsteingebirges aufgewachsen. Kupferstiche mit der Felslandschaft schmücken das Treppenhaus und begleiten die rüstige Rentnerin jeden Morgen mit der Zeitung unterm Arm in ihre Wohnung im Drei-Generationen-Haus im grünen Leutzsch.

4 Gedanken zu „Blick ins Grüne“

  1. Eine sehr authentische und lebhafte Familie, welche Warmherzigkeit und Zusammenhalt spüren lässt.

    Alles Gute für Sie als Familie!

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