Panorama vorm Fenster

Hausbesuch in der Platte (Foto: Regina Katzer)

Aufgewachsen in Glashütte, kam die heute 71-jährige Claudia Iyiaagan-Bohse mit ihren Eltern 1951 nach Leipzig. Sie lernte Industrieschneiderin mit Abitur, studierte Biologie und Sport auf Lehramt in Halle, arbeitete später als Pädagogin in der Messestadt und war im Dezember 1989 bei der Erstürmung der örtlichen Stasi-Zentrale dabei.

Das Thema DDR-Aufarbeitung ist für sie noch nicht abgeschlossen und beschäftigt sie nach wie vor. Noch immer nehmen bei der couragierten Kämpferin Journalisten Platz, die sich für ihre Geschichte interessieren – die mehr wissen wollen über die Hungerstreik-Aktion Weihnachten 1990, über ihren Gefängnis-Aufenthalt im Strafvollzug Chemnitz, weil sie die Kosten einer Gerichtsverhandlung nicht zahlen wollte, und über die zahlreichen Petitionen für Menschenrechte, die sie initiierte.

Vor elf Jahren verließ Claudia eine 200 Quadratmeter große Wohnung in Leipzig-Gohlis und suchte einen „Baum mit Rundblick“, so erzählt sie. Den fand sie im Musikviertel im Siebzigerjahre-Plattenbau, in dem die Rentnerin seit 2008 lebt. „Ich kam rein und war vom Ausblick überwältigt.“ Sie hätte nie geglaubt, irgendwann einmal in der Platte zu landen und sich einfach nur wohlzufühlen.

Wohnung mit Aussicht

Da, wo im Osten die Sonne aufgeht, präsentiert sich auf ihrem Balkon auch bei Januar-Schmuddelwetter ein gigantisches Panorama, das sich vom MDR-Hochhaus über das Völkerschlachtdenkmal, zur Petrikirche und den Uni-Riesen bis hin zum Neuen Rathaus und dem ein paar Straßen entfernten Bundesverwaltungsgericht erstreckt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit genießt es die zweifache Mutter und Großmutter eines zweijährigen Mädchens mit dem schönen Namen Esra, auf ihrem Ausguck einfach mal Luft zu holen und die Gedanken kreisen zu lassen.

Ihre gemütliche Wohnung erreicht sie direkt mit dem Fahrstuhl – ein Privileg, denn der hält nämlich nicht in jeder Etage des Elfgeschossers. Die alten Möbel stammen aus der Familienwohnung, in der sie mit ihrem ersten Mann und den Kindern unter einem Dach lebte. Alle Dinge ihrer eigenen vier Wände erzählen Geschichten: Von einer alten Dame, die ein Schränkchen zu Feuerholz machen wollte. Claudia aber tauschte das Möbelstück gegen gehacktes Holz und rettete es vor dem Kachelofen. Oder sie fuhr mit dem Trabi durch Grünau und entdeckte in Containern beispielsweise einen Schrank, in dem sie heute ihr Geschirr aufbewahrt, den sie mit fleißigen Helfern nach Hause transportierte.

 

Der überdimensionale Lampenschirm mit dem weinroten Samtbezug über dem ausziehbaren Esstisch, an dem ich Kaffee aus einem echten Bürgel-Keramiktöpfchen mit weißen Pünktchen trinke, ist eine Extra-Anfertigung vom Bauschlosser. Weinrot sind auch die Tischdecke, die Sessel und das Sofa in der anderen Ecke des Wohnzimmers. Das große Bücherregal mit Klassikern der Literatur, die ein Erbe ihres Vaters sind, gleicht einem Sammelsurium an Erinnerungen und Mitbringseln.

Ein Stück Gitter hinter den Keramiktöpfen auf der obersten Ablage etwa stammt aus einem Sperrzaun, der Ost- und Westberlin trennte. Vor der Wende war Claudia meist trampend mit Freunden unterwegs – durch Tschechien und Polen, später reiste sie zum Schüleraustausch nach Argentinien. Sie kann sich noch gut an den Gegenbesuch der Südamerikaner erinnern, die einen schneereichen Winter an der Pleiße erleben durften. Heute fährt sie am liebsten nach Baden-Württemberg zu ihrer Tochter und dem Enkelkind, das ihr immer ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Rundblick im Wohnzimmer

2 Gedanken zu „Panorama vorm Fenster“

  1. Also mir gefällt´s! Es ist gemütlich, voller Erinnerungen und doch praktisch – und hat einen tollen Ausblick auf die Stadt. Ich mag besonders die alten Stühle und Schränke und die braunen „Einlege“-Töpfchen, die auch bei mir als Übertöpfe, Vasen und Deko dienen. Eigentlich fehlt nur eine Mietzekatze auf dem Sofa :).
    Alles in allem ein liebevoll eingerichtetes, individuelles Zuhause und keine überdekorierte, durchgestylte Katalog-Bude. Alles Gute für Sie, Frau Iyiaagan-Bohse, blieben Sie gesund und munter.

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