Momentaufnahme im Zentrum

Bald gehen im Harmelin-Haus in der Nikolaistraße die Lichter aus: Viele Jahre lang haben mitten in der Leipziger City wortschaffende und bildende Künstler, darunter auch Corwin von Kuhwede, Wand an Wand unter einem Dach gearbeitet. Groß feierte der Akt- und Porträtfotograf dort im März 2008 seine Einzugsparty. Nun, elf Jahre später, muss er sich von seiner Atelierwohnung im vierten Stock zwangsläufig verabschieden.

Möbel mit Geschichte

„Als ich Ende 2007 hier ankam, fand ich leere Wände und einen Raum voller Potenziale vor“, erzählt der heute 39-Jährige. Lediglich mit einem blauen Ecksofa, das er im Hausflur des 1915 gebauten Anwesens entdeckt hatte, einem Stubentisch aus seinem alten Kinderzimmer und einem Studioblitz zog er ein. Alle anderen Einrichtungsgegenstände besorgte er sich auf Antikmärkten und über ein Kleinanzeigenportal. Nur den ergonomischen Chefsessel für den alten Schreibtisch mit schwarzem Lederbezug musste er neu kaufen. Seine Vorliebe gilt gebrauchten Möbeln aus den 1920er- und 1930er-Jahren – sie sind Zeitzeugen und haben eine Geschichte, beschwört er.

Atelier in 360 Grad

 

Manchmal passiere es aber auch, plaudert der gebürtige Leipziger, dass sich plötzlich ein (Einrichtungs-)Wunsch wie von selbst erfüllt. Wie beispielsweise der nach einem Orientteppich. Den fand Corwin zusammengerollt neben den Müllcontainern. Er freute sich über das Fundstück, reinigte es und legte es seinen Models quasi zu Füßen. Für seine Arbeit wurde er vor zehn Jahren vom Axel-Springer-Verlag als Deutschlands bester Fotograf in der Kategorie Akt ausgezeichnet. Das prämierte Bild hängt noch heute in seinem Atelier neben der Eingangstür.

Im Umkleide- und Schminkräumchen mit echter DDR-Tapete stoße ich mit meiner Kamera auf Erinnerungen längst vergangener Zeiten: Ein Röhrenradio, das leider keinen Ton mehr von sich gibt, bekomme ich vor die Linse. Und ein Gemälde mit einer Mutter-Kind-Szene, dessen Goldrahmen teilweise verwittert ist, weil das Kunstwerk in der Garage gelagert wurde. „Das Bild hing schon bei Oma und Opa überm Bett und später bei Mutti.“ Auf einem alten Gussheizkörper sitzt eine original DDR-Pullerpuppe, der er als Kind die Haare geschnitten hat.

Eine elegante Frisierkommode, für die der Bewohner nur 6,50 Euro hinblätterte, gewährte den Models einen letzten Blick in den Spiegel, bevor sie in der Atelierwohnung ins Scheinwerferlicht des Fotografen traten. Die wie Wasserfälle anmutende Gardine hing früher im Elternhaus im Leipziger Stadtteil Gohlis – genäht von der Mutter, die als Maßschneiderin arbeitete. Eine Tür weiter befindet sich ein spartanisch eingerichteter Schlafraum mit einem Bett, das gen Norden ausgerichtet ist.

Neues Quartier gesucht

Überschaubar sind auch seine Wünsche nach einem neuen Wohn- und Arbeitsraum in einem Alt- oder Industriebau in der Pleißestadt: Für ein Atelier benötigt der Leipziger circa 70 bis 120 Quadratmeter mit Tageslicht und hohen Decken, einer Heizung sowie Wasser- und DSL-Anschluss. Der Fotograf könnte sich aber auch vorstellen, mit Künstlerkollegen in ein bezahlbares und unsaniertes Atelierhaus mit Anbindung an Bus und Bahn samt ruhiger Lage zu ziehen. Zum 30. April muss Corwin die vier Wände in der Innenstadt räumen. Wer ein passendes Quartier für ihn hat, kann sich gerne per E-Mail melden.

Bevor ich den Heimweg antrete, darf ich noch einen Fuß auf die wohl längste Dachterrasse der Messestadt setzen, wie Corwin behauptet. Ich bin überwältigt, schieße ein paar Fotos in Richtung Hauptbahnhof und trete wieder ehrfürchtig ins Atelier zurück. Später, auf dem Bürgersteig, schreite ich die Häuserfront ab und komme auf eine Dachterrassen-Länge von 60 Schritten.

5 Gedanken zu „Momentaufnahme im Zentrum“

  1. Das Haus hat eine bewegte Geschichte und ich durfte auch mal dort einen Schreibtisch über Jahre nutzen. Dies ist über 40 Jahre her und war an der Stirnseite über dem Fothaus Rechtnitz.
    Das Haus ist grundsolide in seiner Bauweise und einfach zu schade um kaputt zerwohnt zu werden.
    Die Raumgestaltung und Möblierung gibt einen Eindruck in das Leben der jungen „Kreativen“. Sehr sporadisch, mit langer Lebensgeschichte und wiederverwandt. Muss man mögen. War nicht neulich ein Beitrag mit viel Lebensraum für Künstler in einem ehemaligen Autohaus und danach Flüchtlingsunterkunft. Viel Glück bei der Anfrage bei der Stadt.

  2. Zur Info: Das Kunstwerk ist keine Gemälde, sondern ein relativ weit verbreiteter Druck „Das Nesthäkchen“ nach Fr. Laubnitz (Max Pietschmann).

  3. Ich durfte Corwin vor knapp 10 Jahren ebenfalls auf seiner Couch interviewen. Netter Zeitgenosse und freundlicher Geselle. Ich wünsche ihm viel viel Erfolg in seinem neuen Atelier. Sicher rettet er den alten Look ins neue Domizil hinüber.

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