Künstlerbleibe im Osten

Still ist es an diesem Nachmittag im Hinterhof der Reudnitzer Wohnanlage, wo ich in dieser Woche bei Peter Beissert klingeln durfte. Kennengelernt haben wir uns vor Kurzem zur Langen Nacht der Kunst auf der Georg-Schumann-Straße, bei der er in einer Bäckerei seine gezeichnete Tierwelt ausstellte.

Seit 20 Jahren wohnt der gebürtige Leipziger in den Meyer’schen Häusern im Leipziger Osten: Fünf Jahre lang lebte der 53-Jährige im Erdgeschoss, 2004 zog der Künstler in den sonnigeren zweiten Stock. Die Wohnung ist 45 Quadratmeter groß und hat zwei Zimmer, Küche, Bad und einen Mini-Balkon mit Blick ins Grüne.

Heimat Leipzig

Aufgewachsen ist Peter in Leipzig-Volkmarsdorf. Die Wohnung seiner Eltern befand sich über einer Kneipe, die es heute längst nicht mehr gibt. „Als Kind hast du das gehasst, den Lärm und die vielen Betrunkenen“, erzählt er an seinem Küchentisch, der auch zum Arbeits- und Zeichentisch umfunktioniert werden kann. Nach der Polytechnischen Oberschule lernte er den Beruf des Maschinen- und Anlagenmonteurs und arbeitete zwölf Jahre beim Ferngasleitungsbau Engelsdorf. „Die Firma hat auch die Druschba-Trasse gebaut“, erklärt er. Später war er als Außendienstler, Maler und Tapezierer tätig, wobei er sich der Ornamentmalerei widmen durfte, die noch an seinen eigenen Wänden zu sehen ist. Im Jahr 2007 hat sich Peter als Künstler selbstständig gemacht, muss aber weiterhin nebenbei jobben, um sich Miete, Lebensmittel und Co. leisten zu können.

Faszination Kunst

Die bildende Kunst war in seinem Elternhaus immer allgegenwärtig. „Ich habe meine Familie immer zeichnen sehen. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, fuhr mein Vater mit mir zu den Lübschützer Teichen, im Gepäck hatten wir einen Skizzenblock und Bleistifte“, erinnert sich der Autodidakt. Auch das Fotografieren habe er als Kind gelernt – zu Hause gab es sogar eine Dunkelkammer mit all dem notwendigen Kram wie Fixiersalz und den Pötten, abgetrennt vom Schlafzimmer. Heute dient ihm die Fotografie als Medium, als Vorstufe des Zeichnens, die er akribisch und mit großer Begeisterung betreibt. „Ich bin fasziniert von alten Häusern, der Jahrhundertwende mit seinem Jugendstil und von Puttenmalerei.“

Blau, grün und gestreift

Im Wohnzimmer – seinem grünen Salon – stehen antike, dunkle Möbel wie das Buffet seiner Großeltern aus den 1940er-Jahren, ein Couchtisch mit einem aufgemalten Schachbrett sowie Spielkarten, und an den Wänden hängen neben den selbstgebauten Malbrettern aus Sperrholz einige historische Bilder. Den großformatigen Druck einer Federzeichnung des Leipziger Neuen Rathauses hat Peter auf einem Dachboden gefunden. „Fundtierchen“ sind auch Paula, ein gestreiftes Kätzchen, und Tippi, eine weiße Mieze mit bunten Tupfern, ein Geschwisterpaar aus der Initiative „Straßenkatzen-LE“, die sich um Streuner im Großraum Leipzig kümmert. Die beiden ängstlichen Tierchen, die im Auwald aufgegriffen worden, verkriechen sich während meines Besuchs unterm Hochbett im Schlafzimmer.

Kohle, Kreide und Tiere

Ein Gemälde, das über dem Schreibtisch hängt, zeigt den Schlangengott der Azteken, stammt von Peters verstorbener Schwester. Auch in der blauen Küche mit dem aufgemöbelten Küchenbuffet vom Flohmarkt gibt es ein großes Bild, das die Schwester ebenfalls gemalt hat, und vor dem ich den Hausbewohner fotografieren darf. Größere Arbeiten von Peter Beissert entstehen in seinem Atelier in Anger-Crottendorf: Ob mit Kohle oder Kreide gezeichnet, alles sei machbar, sagt der Künstler und freut sich über neue Aufträge.

Seine Tierarbeiten sind noch bis November in der Reudnitzer Bibliothek und seine Akt- sowie Porträtzeichnungen in der Physiotherapie „medifit“ in Stötteritz zu sehen. Und ab 7. Oktober können die Leipziger Leseratten Peter Beisserts Künstlerporträts in der Stadtteilbibliothek der Südvorstadt erleben.

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