Historisch wohnen in Grimma

Die Schwarz-Weiß-Fotos von Bildreporter Gerhard Weber – einmalige Milieu-Studien von den einfachen Leuten auf dem Land – machten den heute 79-Jährigen zu einer Berühmtheit der Foto-Szene in ganz Deutschland. Am 9. Januar feiert der Künstler, der seit 22 Jahren in Grimma lebt, seinen 80. Geburtstag. Ich durfte den gebürtigen Berliner einen Monat vor seinem Ehrentag zu Hause besuchen.

Mittendrin

Wir sitzen an einem großen runden Tisch in seiner heimischen Bibliothek mit einem PC-Arbeitsplatz, an dem seine Frau Brigitte Platz genommen hat. Ein blühender Weihnachtsstern auf der Kaffeetafel deutet auf die Adventszeit hin. Die beiden leben seit 2011 in der 115 Quadratmeter großen Wohnung in einem der ältesten Häuser der Muldestadt – einem Renaissance-Bau mit Türmchen.

„Wir sind mittendrin, mit Blick auf den Markt, der wie eine Theaterkulisse wirkt“, plaudert der Fotograf mit den schlohweißen Haaren. Bis 1997 hatte das Ehepaar zusammen mit seinem Sohn in Colditz gelebt. Doch mit der Schließung des hiesigen Porzellanwerks sei auch die Stadt allmählich ausgestorben. Gemeinsam mit seiner Brigitte, die er am 13. August 1961 – dem Tag des Mauerbaus – kennengelernt hatte, zog der Fotokünstler deshalb nach Grimma an die Mulde. „2002 hat uns das Hochwasser aus dem Haus gespült“, erzählt Gerhard Weber und zeigt mir ein Foto, das ihn erschöpft und am Ende seiner Kräfte zeigt. Fast alle Möbel konnten damals gerettet werden. 500 nagelneue, eigene Bildbände fielen allerdings der Flut zum Opfer. Die Webers mussten ihr Heim verlassen. Ein Häuschen mit Waldgrundstück am Stadtrand wurde ihr neues Zuhause. 2011 kehrten sie allerdings der Idylle den Rücken und zogen mitten in die Grimmaer Innenstadt zurück.

Turmzimmer

Im 15 Quadratmeter großen Türmchenzimmer, in dem der Fotograf seine Kunstwerke druckt und am Rechner arbeitet, darf ich mich umsehen. Beeindruckend ist die Deckenbemalung, mit der ein früherer Eigentümer die ehemalige Trinkerstube um 1906 verschönte. Es ist allerdings zu kalt in dem nicht beheizbaren Raum, sodass wir schnell wieder in die warme Stube gehen, in der auch eine Studio-Plattenkamera von 1910 als Zierstück steht. Das Wohnzimmer hat übrigens eine Original-Tür mit historischen Griffen aus Metall, hinter der sich ein gleich geschnittener Raum befindet, indem die Eheleute am Abend gemütlich beisammen sitzen.

Panoramablick

Schwarz-weiß

„Das Historische hat uns gereizt, hier einzuziehen“, so der Hausherr, der seit 60 Jahren als Fotograf das ländliche Leben südlich von Leipzig beobachtet und in dokumentarischen Bildern festhält. „Mit schönen bunten Bildern habe ich meinen Lebensunterhalt verdient. Künstlerisch arbeite ich fast ausschließlich in schwarz-weiß.“ Weber war von 1970 bis 1986 als fester Fotograf für die LVZ unterwegs. Gemeinsam mit seiner Frau, die früher als Deutsch-, Kunst- und Sportlehrerin tätig war, entstanden in einem Zeitraum von zwölf Jahren umfangreiche Reportagen von 450 Dörfern. Seit 1986 arbeitet Weber als freischaffender Fotograf – meist im Radius von 30 bis 50 Kilometern um seine Heimatstadt.

„Leben in der DDR“

Bis zum 23. Februar 2020 sind seine ungeschminkten Bilder über das „Leben in der DDR“ im Kulturhistorischen Museum Schloss Merseburg zu sehen. Sie zeigen Colditzer Familien in ihren heimischen Wänden von 1987 und 1990. „Meist war ich am Wochenende zwei bis drei Stunden bei den Leuten zu Hause. Ich sagte ihnen vorher, geht bitte nicht zum Friseur und zieht euch so an wie an einem ganz normalen Samstag. Ich habe mich immer für die einfachen und ganz normalen Menschen interessiert und alle auf Augenhöhe behandelt“, so der Künstler.

Am Sonnabend, den 7. Dezember, lädt Gerhard Weber um 14.30 Uhr zum Gespräch in seine Merseburger Ausstellung.

2 Gedanken zu „Historisch wohnen in Grimma“

  1. Das macht Lust darauf, die Ausstellung zu besuchen. Nach 80 Jahren hat einer was zu erzählen und man spürt, dass er lebt, was er tut. Danke für den Einblick.

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