Ein Leben für die Löwin

Vor zehn Jahren lernten sie sich kennen und lieben – Thomas Mothes und seine Partnerin Renate. Seit 2013 wohnt das Pärchen in einer altersgerechten Wohnung in einem schicken Neubau mitten in Leipzig. Aus zwei mach eins: Während sich der 67-Jährige von der Hälfte seines Hausrates trennte, brachte seine ein Jahr ältere Lebensgefährtin das gesamte Mobiliar mit. Alles wurde schön zusammengepuzzelt oder Altes mit Neuem ergänzt. Beim Wohnzimmerschrank durfte der Mann des Hauses sogar die Säge benutzen, damit das Möbelstück eingepasst werden konnte. „Hier gehen wir nicht mehr raus – alles ist ebenerdig und sehr bequem für uns“, sind sich die beiden einig.

Nie ohne Kamera vor die Tür

Die ehemalige Lehrerin wurde in Dresden geboren, war schon als Kind sehr bewegungsfreudig und studierte später Sport und Biologie. Seit 1991 gibt sie Fitnesskurse in der Volkshochschule, verbringt Zeit mit ihren Kindern oder ist mit ihrem Liebsten in der Natur unterwegs. Der ebenfalls sportliche Hausbewohner kam in Wurzen zur Welt und verbrachte seine Kindheit in Grimma. Zum Studium der Biochemie kam er in die Pleißestadt und gründete eine Familie. Zum Urlauben ging es mit dem Paddelboot durch Mecklenburg-Vorpommern, zum Boofen in die Sächsische Schweiz oder mit einem Zelt in die bulgarischen Berge. „Ich bin ein romantisch veranlagter Mensch, der fasziniert von der Natur ist“, plaudert der Professor der Biochemie, der an der Leipziger Universität beschäftigt war. Seine Frau nickt zur Bestätigung – sie habe ihn quasi mit Rucksack kennengelernt. Der beinhaltet neben seiner Kamera und Wechselobjektiven unzählige Utensilien: ein Taschenmesser, zwei Brillen, einen USB-Stick und ein Tablet, einen Teelöffel, Kugelschreiber und Notizbuch, eine Stirnlampe, Ersatzakkus, Luftpumpe und einen kleinen Regenmantel. Zieht der passionierte Fotograf in den Auwald, hat er auch eine Isomatte im Gepäck. „Um gute Bilder zu bekommen, muss ich mich in den Dreck schmeißen“, sagt er und lacht verschmitzt. Anfänglich habe er nur privat die Familie auf Reisen fotografiert und bei Dia-Abenden seine Impressionen präsentiert. Seit 1996 schreibt er auch Tagebücher, macht sich auf Wanderungen Notizen und ist ein begeisterter Hobbyfotograf.

Bunte Bilder

Und eines Tages, am 5. März 2000, verschlägt es den Uni-Professor mit seiner Kamera in die Leipziger Innenstadt. Er beobachtet, wie sich kostümierte Leute zum ersten Rosensonntagsumzug nach der Wende so richtig austoben. „Im Gegensatz zur Natur ist der Karneval laut und schrill. Die Stimmung ist locker und die Narren wollen geknipst werden“, erzählt Thomas Mothes, der bis 2008 analog fotografierte. Seit der Zeit verpasst er so gut wie keinen Faschingsumzug. Renate begleitet ihn an diesen verrückten Sonntagen in die City. Meist wartet sie am Rande, wenn er sich ins Getümmel stürzt und die Karnevalsvereine ablichtet. „Meist bin ich zwei Stunden atemlos unterwegs. Am Ende gönnen wir uns Kaffee und leckere Pfannkuchen“, erzählt der Rentner.

Leila Helau

Im Arbeitszimmer ist der Fotograf umgeben von alten Negativstreifen, einem Regal voller Fototaschen mit Erinnerungen auf Papier und Fotoalben. Bevor am 3. März der 20. Rosensonntagsumzug mit Konfettiregen und Bonbonkanonen traditionell durch die Innenstadt zieht, beschert er sich und den Leipziger Elferräten ein Jubiläumsgeschenk, das seit Kurzem auch käuflich erhältlich ist. „Leila Helau“ ist der Titel seines mittlerweile dritten Buches, das 20 Jahre Karneval in der Messestadt beleuchtet. Es ist eine Hommage an die fünfte Jahreszeit – mit einem historischen Abriss und seinen Erlebnissen in Wort und Bild. Im vergangenen Jahr ist Thomas Mothes mit der Kamera durch die Narren-Szene getingelt, hat qualitativ gute Programme gesehen und Faschings-Urgestein Rüdiger Tauer interviewt. Jetzt kann der Fasching kommen. Helau!

Ein Gedanke zu „Ein Leben für die Löwin“

Schreibe einen Kommentar