Angekommen in Leipzig

Heute bin ich zu Gast in Schleußig nahe des Küchenholzes und der Weißen Elster, in einem Mehrfamilienhaus mit einem altehrwürdigen Treppenaufgang. Meine Gastgeberin Doris Baum wartet schon an der Tür und begrüßt mich herzlich. Ihre 42 Quadratmeter große Wohnung hat die Künstlerin in einen Arbeits- und Wohnbereich eingeteilt.

Kirche, Kunst und Krippe

Aufgewachsen ist die heute Mittfünfzigerin in einem Dorf bei Görlitz auf einem Bauernhof. Doris wurde getauft, ging in die Christenlehre und Junge Gemeinde, spielte im Flötenquartett und sang in einem kirchlichen Jugendchor. Im Alter von elf Jahren habe ihr Zeichenlehrer „etwas in ihr gesehen“, wie sie sagt. So besuchte sie den Dorfzeichenzirkel, der eigentlich für Erwachsene bestimmt war, lernte mit Ton und Farbe zu arbeiten, und freute sich über eine erste Anerkennung bei einem Kreisausscheid. Aufgrund ihres religiösen Elternhauses durfte sie die Erweiterte Oberschule nicht besuchen. Stattdessen lernte die Lausitzerin drei Jahre an der Medizinischen Fachschule und wurde Krippenerzieherin in einer Görlitzer kirchlichen Einrichtung.

Studium bei Grützke

Die Kunst verlor sie nie aus den Augen, aber erst nach ihrer Ausreise in die Bundesrepublik Anfang Oktober 1989 bekam sie im Alter von 36 Jahren die Chance, an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg bei Johannes Grützke Malerei zu studieren. Zunächst lebte sie mit ihrem Sohn in Fürth, arbeitete in einem evangelischen Kinderhort und besuchte Mitte der Neunzigerjahre Volkshochschulkurse im Aktzeichnen und der Ölmalerei. „Hier fühlte ich mich das erste Mal lebendig – hier begann ein neues Leben“, erzählt Doris, die auf einer Vernissage dem Maler und Akademieprofessor Johannes Grützke begegnete und ihm ihre Arbeiten zeigen durfte. „Mit der Aufnahme an die Nürnberger Akademie hat sich für mich ein nie zu wagender Traum erfüllt“, strahlt sie. Später war sie zweigleisig tätig – als Malerin und als Mitarbeiterin in einem Kinderladen.

Marienbilder mit heilender Wirkung

Ein Schlüsselerlebnis für ihre religiösen Arbeiten war die „Begegnung“ mit Jakob Böhme (1575 bis 1624), ein Schuster aus Görlitz, der als christlicher Mystiker in der Renaissance lebte. Ihr Lieblingszitat des Philosophen: „Was sich in Zeit und Raum offenbart, sucht seinen Sinn im Menschen. Er ist das Höchste in der Natur, und die Natur ist nichts als der auseinander gefaltete Mensch. Aber die Kunst ist außer der Natur. Sie ist Gottes Werkzeug im Menschen, damit seine Weisheit arbeitet.“

„Erinnernd an die große Faszination, welche die Figuren am Altar der Kirche meiner Kindheit auslösten, fiel das Wissen der Kunstgeschichte über religiöse Gemälde in mir auf fragenden Boden“, sagt die Malerin vor einem großformatigen Marienbild, das ihr Atelier schmückt. Ihre Arbeiten haben Kraft und Stärke mit heilender Wirkung. Doris Baum erzählt malerisch Geschichten, in denen sich Menschen wiederfinden können, vielleicht sogar eine Hauptrolle spielen.

Rückkehr in den Osten

2012 kehrte sie den alten Bundesländern den Rücken und zog wieder nach Görlitz. „Aber immer habe ich nach Leipzig geschielt“, erzählt sie. Seit Juli 2017 lebt sie in der Messestadt und fühlt sich angekommen. Umgeben von einigen antiken Möbelstücken, Selbstporträts und Ölbildern – wie das einer Grimasse schneidenden Nonne in Gestalt eines Mannes – hat sich Doris ihr Kleinod im Südwesten der Stadt eingerichtet. „Immer Neues zu entdecken, ist ein Teil von mir“, weiß die Wahl-Leipzigerin.

Blick in den Arbeits- und Wohnbereich

Künstlergespräch

Doris Baum ist am 10. Februar um 19.30 Uhr in ihrer aktuellen Ausstellung „Halt dich an deiner Liebe fest“ im Gespräch mit Kunsthistoriker Dietulf Sander zu erleben. Ihre aufregenden Bilder sind noch bis zum Sommer in der Praxis „Natur und Psyche“, 04177 Leipzig, Hahnemannstraße 7, präsent.

2 Gedanken zu „Angekommen in Leipzig“

  1. Mir gefällt diese schlichte Wohnung. Nichts möbelhaushaftes, nichts Überflüssiges. Die Einrichtung wirkt zusammengefunden, second-Hand und hat genau deswegen Charakter. Hier wohnt eine Person, die sich gefunden hat und sich ganz ihrer Leidenschaft widmet.

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